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Corona

»Die Impfung ist wirklich ein Lichtblick«

Impfstoffe gegen Covid-19 und dessen Mutanten gelten als zentraler Baustein in der Pandemiebekämpfung. Der Epidemiologe Hajo Zeeb über Wirkweisen, Herdenimmunität und Herausforderungen der Zukunft.

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Hajo Zeeb studierte Medizin und Public Health und arbeitete als Arzt unter anderem im Entwicklungsdienst in Namibia. Seit mehr als 20 Jahren forscht er als Epidemiologe, zum Beispiel am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und bei der WHO in Genf zur Krankheitsentstehung und -prävention. 2010 übernahm er eine Professur an der Uni Bremen und die Leitung der Abteilung ›Prävention und Evaluation‹ am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie .

Gesundheit:Bremen: Die Informationslage rund um Covid-19-Fallzahlen und Impfungen ändert sich täglich. Wie begegnen wir und Sie selbst dieser Ungewissheit?
Professor Dr. Hajo Zeeb: Es ergibt Sinn, sich angesichts der hohen Dynamik auf die etwas längerfristigen Trends zu konzentrieren, etwa die Sieben-Tages-Werte. Beim Thema Impfen bin ich froh über den schnellen Start im Januar. Allerdings waren die anfänglichen Tücken der Logistik samt der Vertrags- und Produktionssituationen verwirrend und manchmal ärgerlich. Ich selbst versuche mich so gut es geht wissenschaftlich zu informieren und noch mehr als sonst mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen.

Weshalb sollten wir uns gegen SARS-CoV-2 impfen lassen?
Die Kontrolle der Pandemie erweist sich als kompliziert und zäh. Für uns ist die Impfung der zentrale Baustein in deren Bekämpfung, sie ermöglicht konkreten Schutz und ist wirklich ein Lichtblick. Es gilt als weitgehend sicher, dass Geimpfte selbst nicht mehr erkranken. Sollte dennoch eine Erkrankung auftreten, schützt die durch die Impfung angestoßene Immunität vor einem schweren Verlauf. Mit der Zeit wird sich klären, inwieweit das Ansteckungsrisiko für andere durch geimpfte Personen verringert oder beseitigt ist. Für das Gesundheitssystem ist wichtig, dass weniger schwere Erkrankungen in den Risikogruppen auftreten und das Klinikpersonal geschützt wird. So kann die medizinische Versorgung aufrechterhalten und sichergestellt werden.

Können Sie Vorbehalte und Ängste bezüglich der Impfung nachvollziehen?
Mit Impfzweifelnden kann man mittels guter Informationen zu Wirkung, Sicherheit und dem Umgang mit unerwünschten Wirkungen ins Gespräch kommen. Das Argument, dass die DNA der Geimpften verändert wird, ist mit etwas Erläuterung zur Biologie leicht zu entkräften. Doch Fabelgeschichten wie die über Mikrochips, die uns eingesetzt werden, sind nicht diskussionswürdig. Mein Verständnis für eine grundlegende Ablehnung ist nicht sehr ausgeprägt. Der Grund dafür sind die weitgehenden Einschränkungen durch die Pandemie, die wir infolge der Impfung wieder zurückschrauben könnten. Meine persönliche Einstellung ist übrigens auch durch meine Zeit im Entwicklungsdienst geprägt. Dort musste ich erleben, wie Kinder an Erkrankungen litten und starben, die sehr einfach durch Impfungen zu verhindern wären, zum Beispiel Masern.

Was passiert bei einer Impfung im Körper?
Es gibt verschiedene Wirkweisen. Die Grundidee ist aber fast immer, das Immunsystem geschickt auf den zukünftigen Kontakt mit den Erregern vorzubereiten. Die aktuellen mRNA-Impfungen* enthalten Informationen über den ›Bauplan‹ von Eiweißen, die bei einer echten Infektion entstehen. Das Immunsystem ist dann gut gerüstet für zukünftige Infektionen. Wie ausgeprägt die Immunantwort ist, also der Aufbau von Antikörpern, lässt sich nicht sicher voraussagen. Manche Krankheiten erschweren zum Beispiel das Entstehen einer starken Immunantwort, das trifft beispielsweise auf Krebs, Autoimmun- und chronische Nierenerkrankungen zu.

Bei Redaktionsschluss Mitte März gibt es vier verschiedene zugelassene Impfstoffe, gleichzeitig wird weltweit an diversen potenziellen Kandidaten geforscht. Wird es weitere Impfstoffe geben?
Derzeit sind circa 230 Impfstoffkandidaten in der Entwicklung und Prüfung, davon über 60 in der klinischen Prüfungsphase. Wir können also in näherer Zukunft mit einer Reihe weiterer Impfstoffe rechnen. Die Bandbreite ist groß, es sind zumeist Ansätze, die schon von anderen Impfstoffentwicklungen bekannt sind. Die Mechanismen reichen von DNA- und mRNA-basierten Impfstoffen zu solchen, bei denen leicht veränderte und damit ungefährliche Viren oder virusähnliche Teilchen genutzt werden.

Das Stichwort Herdenimmunität ist in aller Munde. Worum handelt es sich?
Herdenimmunität bedeutet, ein ausreichend großer Teil der Bevölkerung ist immun und eine Infektionserkrankung kann sich nicht mehr effektiv ausbreiten. Das geschieht sinnvollerweise durch eine Impfung. Bei Corona ging man anfangs von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung aus, die immun sein müssen. Angesichts der ansteckenderen Mutationen ist die Rede von etwa 80 Prozent. In Bremen müssten für eine Herdenimmunität also weit über 400.000 Menschen erfolgreich geimpft sein. Mit unserer Aktion unter dem Hashtag #CoronaimpfungNaKlar rufen Kolleginnen, Kollegen und ich, aber auch Prominente dazu auf, dass sich so viele Menschen wie möglich impfen lassen. Jede und jeder kann sich beteiligen.

Gibt es eine Zeit ›nach Corona‹? Was erwartet uns in Zukunft und wie begegnen wir den Herausforderungen?
Manchmal dauern Pandemien lange, weil sich kein Impfstoff findet und andere Wege des Infektionsschutzes nur langsam wirken. Bei Corona waren wir recht schnell auf dem richtigen Weg. Allerdings ist es nötig, die Impfung für die globale Bevölkerung bereitzustellen, da steht die EU mit den anderen reichen Ländern in der Pflicht. In Zukunft werden wir als Gesellschaft manches anders sehen und planen, einiges auch wieder vergessen, das ist ganz normal. Es hat sich gezeigt, wie schnell unser gewohnter Lebensstil in Bedrängnis geraten kann. Ich hoffe, dass wir diese Einsicht für den Umgang mit weiteren großen Herausforderungen nutzen können, nicht nur für zukünftige Pandemien.

Das Interview führte Kerstin Radtke

* messenger-RNA, auf Deutsch: Boten-RNS

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Infos rund um Corona, Impfen und Co.

RKI und STIKO:
Seit dem 18. Jahrhundert gehören Impfungen in Deutschland zur medizinischen Versorgung. Das 1891 gegründete Robert Koch-Institut (RKI) ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung. Kernaufgaben sind die Erkennung, Verhütung und Bekämpfung insbesondere von Infektionskrankheiten. Die Expertengruppe ›Ständige Impfkommission‹ (STIKO) wird vom RKI koordiniert und wissenschaftlich unterstützt. Das unabhängige Gremium gibt Impfempfehlungen ab (Impfkalender), die auf aktuellen Entwicklungen und Erkenntnissen aus der Forschung basieren.

Allgemeine Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung inklusive Animation zur Herdenimmunität: impfen-info.de

Informationen, Fragen und Antworten zur Impfung gegen Covid-19 in Bremen: bremen.de/corona/gegen-corona-impfen

Covid-19-Impfung, Impfquoten, Antworten auf häufig gestellte Fragen sowie die 20 häufigsten Einwände gegen das Impfen: rki.de/covid-19-impfen

Im Rahmen der Social-Media-Aktion #CoronaimpfungNaKlar erzählen Bürger, warum sie sich impfen lassen: coronaimpfungnaklar.de

 

Impfablauf: So funktioniert die Impfung.

 

Abgeschwächte Erreger oder Bestandteile von abgetöteten Erregern werden verabreicht (Impfstoff).

 

Erregerspezifische Abwehrstoffe und Gedächtniszellen werden gebildet.

 

Gedächtniszellen merken sich die Oberflächenstruktur der Erreger.

 

Gedächtniszellen werden durch Erregerkontakt aktiviert; spezifische Abwehrstoffe ermöglichen eine schnelle Abwehrreaktion.

Quelle: www.impfen-info.de

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