Freie Kliniken Bremen — Vierfach umsorgt

Kopfschmerzen

Wenn Schmerzmittel wehtun

Jede:r fünfte Deutsche hat mit chronischen Spannungskopfschmerzen oder Migräne zu kämpfen. Abhilfe sollen Schmerzmittel schaffen. Dass sie aber bei übermäßiger Anwendung das Gegenteil bewirken, ist den ­wenigsten bekannt. Das Schmerzzentrum des Rotes Kreuz Krankenhaus befasst sich genauer mit diesem Paradox.

Nicole Wrede

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Der Schmerzmediziner Dr. Joachim W. Ulma rät zu mehr Besonnenheit in der Selbstmedikation.

In der Klinik für Schmerzmedizin des Rotes Kreuz Krankenhaus werden akute sowie chronische Schmerzen ambulant und stationär behandelt. Chefarzt Dr. Joachim W. Ulma ist mit den unterschiedlichsten Schmerzarten vertraut. »Chronischer Kopfschmerz gehört zu den häufigsten Gründen, aus denen Patient:innen zu uns kommen. Bei ­vielen liegt die Ursache im Übergebrauch von Medikamenten.«

Von manifestem (deutlichem) Übergebrauch ist die Rede, wenn eine ­Person an mehr als 15 Tagen im Monat ein einfaches Schmerzmittel (zum Beispiel ASS, Ibuprofen, Paracetamol) oder an mehr als zehn Tagen ein Triptan, Opiat oder Kombinationspräparat (etwa mit ASS, Paracetamol und Koffein) einnimmt. Dann besteht die Gefahr, einen Kopfschmerz aufgrund von Medikamentenübergebrauch zu entwickeln. Der Übergang ist fließend, Patient:innen bemerken ihn höchstens, wenn sie ein Kopfschmerz- und Medikamententagebuch führen.

Diesem sogenannten sekundären Kopfschmerz geht in der Regel ein chronisches Leiden wie Migräne oder regelmäßiger Spannungskopfschmerz voraus: der primäre Kopfschmerz. Um diesen zu bekämpfen, greifen Patient:innen zu Schmerzmitteln. Wer aber chronische Schmerzen genauso behandelt wie akute Fälle, tut sich nichts Gutes. Häufig eingenommene Medikamente können zu Organschäden führen und zudem deutlich mehr Kopfschmerzen bewirken.

»Trotz der Beipackzettel wissen die wenigsten Bescheid über die negative Wirkung von zu vielen Schmerzmitteln.«

Chronische Kopfschmerzen erfordern einen ganzheitlichen Therapieansatz, der psychologische Faktoren konsequent berücksichtigt. Eine Studie, die in einer Kooperation des Schmerzzentrums des RKK mit dem Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation an der Universität Bremen erstellt wurde, beleuchtet diesen Aspekt. Masterstudentin Jana Mattschenz hat in einer anonymisierten Onlinebefragung 299 Patient:innen des Schmerz­zentrums interviewt. Im Fokus standen dabei Defizite im Umgang mit Gefühlen, außerdem Depression, Angst und Stress sowie die Katastrophisierung von Schmerzen 1. Der cHintergrund: Menschen, die unter Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch leiden, zeigen in allen Punkten erhöhte Werte. Entsprechend sollte nicht nur bei der stationären Entzugsbehandlung eine psychotherapeutische Begleitung gewährleistet sein, sondern auch nach der Entlassung in ambulanter Form. »Sonst kommt es bei den nächsten Schmerzattacken zu Rückfällen«, weiß Dr. Ulma aus Erfahrung.

Generell rät der Schmerzmediziner zu mehr Besonnenheit in der Selbst­medikation, auch rezeptfreie Schmerzmittel seien nicht harmlos. »Trotz der Beipackzettel wissen die wenigsten Bescheid über die negative Wirkung von zu vielen Schmerzmitteln. Habe ich Schmerzen, sollte ich erst einmal überlegen, was ich aus eigener Kraft dagegen tun kann: Manchen hilft Bewegung an der frischen Luft, eine heiße Dusche oder ein paar Übungen. Medikamente sind hilfreich, aber sie dürfen nicht leichtfertig eingenommen werden. Ich rate dazu, erst einmal selbst aktiv zu werden!«


  1. Neigung, negative Aspekte/Konsequenzen einer Situation übertrieben wahrzunehmen 

Kontakt

Dr. Joachim W. Ulma
Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin / Schmerzzentrum
0421 5599-277
ulma.j@roteskreuzkrankenhaus.de

Rotes Kreuz Krankenhaus
St.-Pauli-Deich 24
28199 Bremen
roteskreuzkrankenhaus.de
facebook.com/roteskreuzkrankenhaus
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