Freie Kliniken Bremen — Vierfach umsorgt

Gesundheitsstandort Bremen

»Gute Zusammenarbeit der Kliniken ist wichtig«

Der Gesundheitsstandort Bremen ist in Bewegung. Nicht erst seit Corona. Im Interview äußert sich Claudia Bernhard, Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, zu den Perspektiven.

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Claudia Bernhard ist seit August 2019 Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz der Freien Hansestadt Bremen. Zuvor war sie von 2011 bis 2019 Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft und dort unter anderem stellvertretende Fraktionsvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin für die Fraktion DIE LINKE.

Gesundheit:Bremen: Sie haben die Freien Kliniken in Ihrem ersten Amtsjahr besucht. Wie war Ihr Eindruck vor Ort?
Claudia Bernhard: Die Freien Kliniken leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung in der Stadt Bremen. Dazu gehören sowohl sehr spezialisierte Fachbereiche als auch der Beitrag zur wohnortnahen Versorgung für alle – von der Notfallmedizin bis zur Geburtshilfe. Ich war sehr beeindruckt bei meinen Antrittsbesuchen. Im RKK konnte ich mir zum Beispiel das Herzkatheterlabor und den Hybrid-OP ansehen. Im DIAKO war ich im Kreißsaal, und wir haben intensiv über die Geburtshilfe gesprochen. Das deutet schon an, wie breit das Spektrum der medizinischen Leistungen ist, die von den Freien Kliniken angeboten werden, und die wir dringend in der Stadt brauchen.

Was sind Ihre Visionen für die Weiterentwicklung des Gesundheitsstandortes Bremen? Welche Rolle spielen die Freien Kliniken dabei?
Das ist eine komplexe Frage. Vorrangig geht es natürlich darum, die Gesundheitsversorgung für Bremen und das Umland sicherzustellen, selbstverständlich auf dem bisherigen hohen Niveau. Darüber hinaus gibt es weitere, sehr wichtige Themen, die aktuell und in Zukunft eine große Rolle spielen. Dazu gehört beispielsweise die Ambulantisierung, also die Frage, wie auch die Kliniken in das Themenfeld der ambulanten Behandlungen besser eingebunden werden können, wie die ambulante Anschlussbehandlung an stationäre Aufenthalte so geregelt werden kann, dass keine Versorgungslücken entstehen.

Ein weiteres großes Thema ist die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Die Krankenhäuser müssen deutlich besser an die digitale Infrastruktur angebunden werden, die auch eine schnelle Verknüpfung beispielsweise mit Praxen erlaubt. Und dann treibt natürlich alle Bereiche des Gesundheitswesens der Fachkräftemangel um. Hier müssen wir gemeinsam weiterhin große Anstrengungen unternehmen, um in Zukunft mehr Fachkräfte gewinnen zu können. Aber wir müssen das offensiver darstellen als bisher. Die Gesundheitswirtschaft ist ein enorm wichtiger Sektor im Land Bremen, der zweitstärkste, wenn es um die Zahl der Arbeitsplätze geht. Wenn die Kliniken Leistungen anbieten, die über Bremen hinaus nachgefragt werden, dann schafft das zusätzliche Beschäftigung hier bei uns. Und es ist eine wichtige Botschaft, dass in den Krankenhäusern viele junge Menschen sofort angestellt werden könnten, wenn wir es schaffen, ihnen die nötigen Ausbildungskapazitäten zur Verfügung zu stellen. Dazu bedarf es einer guten, koordinierten Zusammenarbeit zwischen den Trägern. Die freigemeinnützigen Häuser spielen bei alldem eine ebenso große Rolle wie die kommunalen und die privaten Häuser.

Die gute trägerübergreifende Zusammenarbeit aller Bremer Krankenhäuser während der Corona-Krise wird allseits gelobt. Wie kann die engagierte Arbeit der Freien Kliniken in Zukunft noch stärker gewinnbringend für die Patientenversorgung eingebunden werden?
Gerade in der Covid-19-Pandemie haben wir gemerkt, wie wichtig eine solidarische Kooperation zwischen den verschiedenen Krankenhäusern und Trägern ist. Ich muss wirklich sagen, dass die Zusammenarbeit aller Kliniken in Bremen, gerade während der Phase mit vielen Covid-19-Patienten in den Kliniken, außerordentlich gut war. Es gab und gibt eine umfangreiche Kommunikation zur Auslastung. Zeitweise gab es auch gegenseitige Unterstützung und Aushilfe durch Material und Personal. Das ist schon außergewöhnlich. Wenn sich dieser Dialog auch in der Zeit nach der Pandemie verstetigt, ist das auf jeden Fall ein großer Gewinn für die Patientenversorgung in Bremen.

Darüber hinaus geht es um die Frage, wie und von wem die verschiedenen Versorgungsleistungen erbracht werden. Hier wünsche ich mir auch in der Zukunft eine intensive Zusammenarbeit und Einbindung der Freien Kliniken. Es ist ja kein Geheimnis, dass die verschiedenen medizinischen Angebote sich sehr unterschiedlich rechnen. Da müssen sich alle in gleicher Weise beteiligen, auch an den Bereichen, die ganz toll sind für die Gesundheitsversorgung, aber nicht unbedingt für das Betriebsergebnis. Deshalb brauchen wir für alle Kliniken ein Paket von Angeboten, mit dem sie insgesamt gut leben können – medizinisch und wirtschaftlich.

Ist es für Sie als Senatorin nicht eine Gratwanderung, die übergreifende Landeskrankenhausplanung Bremens zu verantworten und gleichzeitig als Aufsichtsratsvorsitzende über finanzielle Hilfen für den städtischen Klinikverbund (GeNo) zu entscheiden?
Ich bin weiterhin überzeugt davon, dass es richtig ist, das Amt als Aufsichtsratsvorsitzende zu übernehmen, und ich habe im vergangenen Jahr festgestellt, dass eine Trennung der Aufgabenbereiche sehr wohl möglich ist. Dass der Senat die Krankenhausplanung und die Investitionsförderung für alle Kliniken macht und gleichzeitig selbst Krankenhausträger ist, lässt sich ja nicht ändern – und daran wollen wir unbedingt festhalten. Wir haben einen Gesetzesentwurf für das Landeskrankenhausgesetz auf den Weg gebracht, der neuen Entwicklungen gerecht wird, was allen zugutekommt und keine einseitige Bevorzugung der kommunalen Häuser vorsieht.

Nach meinem Eindruck ist es eine ganz wichtige Grundlage der Gesundheitsversorgung, dass wir in der Stadt Bremen keine Krankenhausträger haben, für die Kliniken nur ein Investment sind. Diese Grundlage müssen wir erhalten und verteidigen. Da gehören die kommunalen Häuser genauso dazu wie die freigemeinnützigen.

Das Interview führte Christina Müller


So funktioniert Krankenhausfinanzierung

1972 wurde in Deutschland das duale System der Krankenhausfinanzierung eingeführt. Einfach erklärt bedeutet es, dass die Krankenkassen die laufenden Betriebskosten der Kliniken übernehmen, während die Bundesländer die Investitionskosten für die Krankenhäuser tragen. Diese teilen sich in langfristige Kosten wie Baumaßnahmen (Einzelförderung) und kurzfristige Kosten wie medizinische Geräte, Betten und Ausstattung (Pauschalförderung). Gleichzeitig sollen die Kliniken wirtschaftlich arbeiten. Geregelt ist dies alles im Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG). Die Erstattung der Behandlungskosten durch die Krankenkassen orientiert sich im Wesentlichen am internationalen Vergütungssystem Diagnosis Related Groups (DRG) und wird jährlich angepasst. So entsteht ein Fallpauschalen­Katalog, der auf Landesebene zwischen der Landeskrankenhausgesellschaft und den Landesverbänden der Krankenkassen ausgehandelt wird. Da die Investitionsprogramme und Krankenhauspläne von den Bundesländern erstellt werden, hat das Land Bremen einen starken Einfluss auf die Gesundheitsversorgung in Bremen und Bremerhaven.

Gesundheit : Bremen 29

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